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26.07.2010

Metallwürfel, Eiweißlandschaften und der globale Stickstoffkreislauf

Ohne Stickstoff geht im Leben gar nichts. Eine Schlüsselrolle im globalen N-Kreislauf spielen Bakterien, denn sie haben die notwendige Enzymausstattung, um die verschiedenen Stickstoffgase aus der Atmosphäre für andere Lebewesen verwertbar zu machen. Wie arbeiten diese Enzyme? Auch für die Industrie eine interessante Frage, denn die heutigen Verfahren zur Stickstoff-Produktion für Pflanzendünger und andere Anwendungen sind sehr ineffizient. Prof. Dr. Oliver Einsle und sein Team von der Universität Freiburg blicken bis in die reaktiven Zentren der bakteriellen Moleküle hinein, die allesamt Metallionen beinhalten. Es sind diese Metallionen, die die entscheidenden chemischen Reaktionen vermitteln. Was passiert im Innersten der bakteriellen Proteine? Und wie kann man überhaupt einen Einblick bekommen?

Stickstoff ist essenzieller Bestandteil von Aminosäuren und damit von allen Proteinen. Auch die DNA beinhaltet Stickstoff-Atome. Ohne das Element würde in unserem Körper nichts mehr funktionieren. Höhere Organismen wie der Mensch können es jedoch nur in der vollständig reduzierten Form aufnehmen, als Ammoniumion. Der Stickstoff, der in der Erdatmosphäre als Stickstoff-Gas N2 oder in oxidierter Form als NO2, N2O oder NO vorkommt, ist damit nicht verwertbar. In eine verwertbare Form bringen ihn erst die Pflanzen, denn sie gehen Symbiosen mit Bakterien ein, die den atmosphärischen Stickstoff im Prozess der sogenannten Stickstofffixierung in Ammoniumionen umwandeln. Die Pflanzen bauen die Ammoniumionen ihrerseits in Aminosäuren ein, die wir dann über die Nahrung aufnehmen. Nach unserem Tod bauen Bakterien im Boden die höheren Stickstoffverbindungen über viele chemische Zwischenstufen wieder zu den Stickstoffgasen ab, die in die Atmosphäre entweichen. Dieser Vorgang wird als Denitrifikation bezeichnet.

Der Industrie überlegen

Die Seefahrer und die Terra incognita

Einsle und sein Team verfügen über das Know-how und die technische Ausstattung, um die Proteine zu kristallisieren. In den Kristallen messen sie die räumliche Verteilung von Elektronen. Aus dieser Verteilung wiederum können sie ein Modell des dreidimensionalen Proteins berechnen. Aber diese Arbeit ist keine Standardprozedur, im Gegenteil. Es kann Monate dauern, bis die Proteine aus dem Probengewebe isoliert und aufgereinigt sind. Und erst danach kommt der wirklich anspruchsvolle Schritt: „Die Züchtung von Proteinkristallen ist im Grunde ein alchimistischer Vorgang“, sagt Einsle. „Man muss zunächst durch Versuch und Irrtum nach den geeigneten Druck-, Temperatur- und Konzentrationsbedingungen suchen, damit sich das Protein der Wahl überhaupt in einem Kristall anordnet. Man muss manchmal Tausende von Experimenten durchführen, bis das gelingt, und ein Erfolg ist im Vorhinein nie garantiert.“
Zu sehen sind bunte Kugeln, um die ein dichtes Netz aus blauen Linien gelegt ist.
Das blaue Netz zeigt eine experimentelle Elektronendichtekarte, das Ergebnis eines Röntgenbeugungsexperiments. In diese dreidimensionale Karte wird anschließend per Hand ein aus einzelnen Atomen bestehendes Strukturmodell gebaut und eingepasst.  (© Prof. Dr. Oliver Einsle)

Ist es den Forschern gelungen, bestrahlen sie die mikrometergroßen Kristalle im sogenannten Röntgendiffraktometer mit Röntgenstrahlen. Die um die Atome des Proteins schwirrenden Elektronen lenken die energiereichen Strahlen auf charakteristische Weise ab. Diese Beugungsmuster können die Forscher messen, sie werden ihnen von einem Computerprogramm in ein komplexes, dreidimensionales Gitternetz umgerechnet. In manchmal wochenlanger Fleißarbeit muss das Chaos nun interpretiert werden. Gibt es charakteristische Strukturen, die sich bekannten Aminosäuren zuordnen lassen? Sind übergeordnete Helices sichtbar? Nach und nach entsteht das Modell des Proteins mit seinen Zigtausenden Atomen. Auf diese Weise entschlüsselten Einsle und seine Gruppe die dreidimensionale Struktur der Nitrogenase mit den zwei Eisen-Schwefel-Clustern.

„Die Kristallografie ist eine richtige forschende Wissenschaft“, sagt Einsle. „Wir gehen raus und sehen, was noch keiner vor uns gesehen hat. Ich fühle mich manchmal als Seefahrer, der eine terra incognita vor sich hat.“ Momentan versuchen die Biochemiker zu verstehen, was in dem reaktiven Zentrum der Nitrogenase auf chemischer Ebene passiert. An welchen Eisenatomen läuft die Reaktion ab? Wie genau richtet sich das Stickstoff-Molekül im Inneren des Proteins aus? Welche Aminosäuren des Proteins sind hierfür essenziell? Um solche Fragen zu beantworten, müssen die Wissenschaftler die Ergebnisse verschiedenster Experimente zusammenführen. Dazu gehören zum Beispiel auch die zielgerichtete Mutagenese von Aminosäuren im Protein oder biochemische Versuche, die den Umsatz von N2 durch das Enzym messen. Zurzeit untersuchen die Forscher durch die Manipulation verschiedener Gene, wie das Metallzentrum hergestellt und ins Protein eingebaut wird.

Aus den Life Sciences nicht mehr wegdenkbar

Ein Beitrag von:
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mn - 26.07.2010
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH

Weitere Informationen zum Beitrag:
Prof. Dr. Oliver Einsle
Lehrstuhl für Biochemie
Institut für Organische Chemie und Biochemie
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Albertstraße 21
79104 Freiburg
Tel.: +49 (761) 203 6058
Fax: +49 (761) 203 6161
E-Mail: einsle(at)bio.chemie.uni-freiburg.de

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